Von Kippe zu Wippe

Unser frühmorgendlicher Flaschenzug muss schon ein skurriles Bild abgegeben haben. Jorge balanciert einen Jutesack leerer Plastikflaschen auf dem Kopf, Martha bückt sich immer wieder schwerfällig über ihren Gehstock um am Strassenrand liegende Flaschen aufzusammeln und wir folgen ihnen mit einem klapprigen Müllwagen und einem roten Sessel.

 

Auf dem Plaza Mayor der malerischen Kolonialstadt Granada hatte Martha uns am Abend zuvor wegen dem Sessel angesprochen und uns angeboten sie auf die Müllkippe zu begleiten, wo sie jeden Morgen ihre gesammelten Flaschen gegen etwas Kleingeld eintauscht, um die Menschen dort zu portraitieren und auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Die Skurrilität dieses Vormittages findet ihren Höhepunkt nicht in der wohl eher absurd anmutenden Kulisse eines roten Polstersessels inmitten eines stinkenden Flaschenmeeres, sondern vielmehr in dem fröhlichen Lachen der portraitierten Flaschensammlerin – ein Lachen, das ihrer filmreifen Lebensgeschichte scheinbar trotzt. Viele verdienen hier wie Martha ihr Geld, für einen Sack Flaschen bekommt man umgerechnet ca. 30 Cent. Der Absurditäten nicht genug, ließ Martha ihre Kontakte spielen und verschaffte uns ganz nebenbei ein Live-Interview im nicaraguanischen Radio.

 

Als wir Granada nach fünf Tagen verlassen kennen wir alle Eisenwerkstaetten und -fachhandel der Stadt (wilde Busfahrten hatten die Achse von La Silla zerbrochen), haben uns der Kochkunst jeder Strassenverkäuferin ausgesetzt, kennen die lautmalerischen Eigenarten eines jeden Marktschreiers und wissen auch wie es sich anfühlt knietief im Müll zu stecken. Weit weg von dem chaotischen Treiben Granadas entspannen wir uns an einem der endlosen Pazifikstrände, bevor es weitergeht. A dónde nos lleva el viento – und alles nur, weil ein Elefant auf die Wippe trat.

 

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